Call for Papers: Die Düsseldorfer Gemäldegalerie, ihre Besucher und Rezipienten

Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz (1658-1716), besser bekannt als Jan Wellem, gehörte in seiner Zeit zu den wichtigsten Kunstsammlern Europas. In der kleinen Residenzstadt Düsseldorf trug er eine unvergleichliche Sammlung an Barock- und Renaissancegemälden zusammen, die den Grundstein legte zu einer Entwicklung der Stadt als Kunstmetropole. Der Zugang zu einem Großteil der Bilder wurde der Öffentlichkeit seit 1714 in einem eigens zu diesem Zweck erbauten, einzigartigen Galeriegebäude gewährt, an dessen Stelle ursprünglich ein noch prächtigeres treten sollte. Das allein für die Gemäldegalerie konzipierte Haus gilt als einer der frühesten selbständigen Museumsbauten Europas. In der Tradition der Petersburger Hängung wurden weit mehr als 300 Werke flämischer, holländischer und italienischer Meister präsentiert. Neben 46 Bildern von Rubens, darunter das monumentale Jüngste Gericht, waren Werke von van Dyck, van der Werff, Rembrandt, Jordaens, Rachel Ruysch, Raffael, Tizian, Tintoretto, Guido Reni, Dürer, Elsheimer, Poussin und anderen zu bewundern. Noch vor Wien, Dresden und Kassel erwarb sich die Düsseldorfer Galerie einen Ruf als deutscher Louvre. In großer Zahl lockte Johann Wilhelms Bilderreich kunstsinnige Besucher nach Düsseldorf, unter ihnen Goethe, Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, Angelika Kauffmann, Füssli, Hagedorn, Lavater, Basedow, Iffland, Jung-Stilling, Sulzer, Merck, Heinse, Wieland, Georg Forster, Johann Moritz Schwager, Aurelio Bertola de Georgi, Jakob Jonas Björnståhl, Armand-Gaston Camus, Schwedens König Gustav II., Paul von Russland und die künftigen französischen Könige Ludwig XVIII. und Karl X., Sir Joshua Reynolds, Thomas Jefferson, Tønnes Christian Bruun-Neergaard, Thomas Cogan, Joseph Gregor Lang, Friedrich Schlegel, Clemens Brentano, François-Xavier de Burtin, Wilhelm und Alexander von Humboldt. Nicht wenige der Genannten verbanden den Aufenthalt in der Galerie mit einem Besuch im Hause Jacobi. Private, literarische und kunstheoretische Darstellungen – zu nennen wären etwa die Darlegungen von Heinse und Forster – zeugen von der außerordentlichen Anziehungskraft der Sammlung, die 1805/06 als Erbschaft des Hauses Wittelsbach nach Bayern wanderte und heute zu den Höhepunkten der alten Pinakothek in München und der Staatsgalerien in Schleißheim und Neuburg an der Donau zählt. Während das Düsseldorfer Schloss 1872 einem Brand zum Opfer fiel, wurde das angrenzende Galeriegebäude bis auf den Ostflügel abgerissen.

Die von den zahlreichen berühmten oder auch weniger berühmten Besuchern auf uns gekommenen öffentlichen und privaten Zeugnisse, in denen die Ausnahmestellung der Düsseldorfer Galerie Ausdruck findet, – zu denken wäre beispielsweise an Reisebeschreibungen, sog. Gemäldebriefe, die die literarische Kunst- und Salonschriftstellerei begründeten, sowie an enthusiastische Briefmitteilungen unter Kunstfreunden – bilden das Thema eines geplanten Sammelbandes und einer Begleitveranstaltung. Zu diesem Projekt möchten wir Sie sehr herzlich einladen. Bitte senden Sie Ihre Beitragsvorschläge mit einem Kurzexposé und biografischen Angaben an Frau Dr. Rotraut Fischer (nolte-fischer@arcor.de) und Herrn Dr. Michael Ewert (ewertmuen@web.de).

Literatur (Auswahl)

Baumstark, Reinhold (Hg.) (2009): Johann Wilhelms Bilder. Die Gemäldegalerie des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz in Düsseldorf, 3 Bde., Bd. 1: Sammler und Mäzen, Bd. 2: Galerie und Kabinette, Bd. 3: La Galerie Electorale de Dusseldorf, Ausstellungskatalog, München.

Baumgärtel, Bettina (Hg.) (2008): Himmlisch Herrlich Höfisch. Peter Paul Rubens, Johann Wilhelm von der Pfalz, Anna Maria Luisa de‘ Medici. Leipzig.

Dies. (Hg.)  (2009): Die Gemäldegalerie Johann Wilhelms von der Pfalz und die Düsseldorfer ‘Himmelfahrt Mariae‘ von Peter Paul Rubens, in: Benedikt Mauer (Hg.): Kurfürst Johann Wilhelm II. und seine Zeit. Düsseldorf, S. 145-164.

Bay, Hansjörg / Beck, Laura / Hamann, Christof / Osthues, Julian (Hg.) (2024): Handbuch Literatur und Reise, Berlin.

Dick, Manfred (1984) Wilhelm Heinse in Düsseldorf, in: Gerhard Kurz (Hg.): Düsseldorf in der deutschen Geistesgeschichte, S. 179-195.

Ernst, Ewald (2011): Georg Forster und die Düsseldorfer Gemäldegalerie. In: Georg-Forster-Studien XVI, hg. von Stefan Greif und Michael Ewert, Kassel, S. 107-129.

Fischer, Rotraut (1990): Reisen als Erfahrungskunst. Forsters „Ansichten vom Niederrhein“. Frankfurt/M.

Gaethgens, Thomas W. / Marchesano, Louis (2011). Display and Art History. The Düsseldorf Gallery and its Catalogue, Los Angeles.

Koch, Sabine (2015): Die Düsseldorfer Gemäldegalerie, in: Bénedicte Savoy (Hg.): Tempel der Kunst: Die Geburt des öffentlichen Museums in Deutschland 1701-1815, Köln/Weimar/Wien.

Möhlig, Kornelia (1993): Die Gemäldegalerie des Kurfürsten Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg (1658-1716) in Düsseldorf, Köln.

Pfotenhauer, Helmut (1995): Die Typen der Beschreibungskunst im 18. Jahrhundert oder die Geburt der neueren Kunstgeschichte, in: Gottfried Boehm, Helmut Pfotenhauer (Hg.): Beschreibungskunst – Kunstbeschreibung. Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart, München, S. 313–330 (Digitalisat).

Sheehan, James J. (2002): Geschichte der deutschen Kunstmuseen. Von der fürstlichen Kunstkammer zur modernen Sammlung, München.

Tipton, Susan (2006): „,La passion mia per la pittura‘: die Sammlungen des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz (1658-1716) in Düsseldorf im Spiegel seiner Korrespondenz“, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, 3. F. 57, S. 71-331.

Wilhelm, Ira (2013) Wilhelm Heinse und seine „Düsseldorfer Gemäldebriefe“. Phil. Diss., Berlin (Digitalisat).

XV. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG)

20. – 27.7. 2025 in Graz

Sektion: Die Biographie und ihre Prätexte: Brief, Tagebuch, autobiographische Schriften

Sektionsleiter:innen: Dr. Rotraut Fischer (Darmstadt), Prof. Dr. Jutta Linder (Messina), Dr. Irene Schrattenecker (Salzburg), Dr. Michael Ewert (München)

Biographien erzählen die Vorgeschichte einer Zukunft aus der Perspektive der jeweiligen Gegenwart. Im „langen 19. Jahrhundert“ (Hobsbawm) wurde die Biographie darüber zu einem Leitmedium des kulturellen Gedächtnisses, ausgerichtet auf eine gewünschte Gegenwart oder Zukunft und eine entsprechende Traditionsbildung. Die immense Anzahl der Biographien erscheint ebenso unübersehbar wie vielgestaltig. Klassifizierungen als „historisch-politisch“ und „geistes- und kulturgeschichtlich“ (Scheuer) bzw. „politisch-national“ und „geistes- und kulturwissenschaftlich“ und die Auseinandersetzung um die „Wahrheit“ und „Wissenschaftlichkeit“ der Biographie (Klein, Fetz u.a.) betonen Interessen, die die Biographie mit ihrer Entstehungszeit und deren Krisen verbinden. Doch gerät dabei die Poetik des Genres etwas aus dem Blick, was durchaus naheliegt, denn die Biographie gedeiht im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Dichtung. Sie entzieht sich literaturwissenschaftlicher Kategorisierung ebenso wie den Forderungen nach Objektivität, wie sie die Geschichtswissenschaft erhebt. Als „Kunstwerk“ freilich (Dilthey) scheint der „historische Mensch“ in der Biographie medial ‚lebensfähig‘.

Als Form der Vergegenwärtigung vergangenen Lebens beruht die Biographie auf Quellen, Zeugnissen und Spuren. Eine besondere Rolle nimmt dabei der Brief ein. Als Spur und Zeugnis (im Sinne Benjamins) ‚vertritt‘ und verkörpert er die Vergangenheit in gegenwärtig erscheinendem Sprechen; er kann als bloße Informationsquelle dienen, eine ‚Wahrheit‘ beglaubigen oder Teil des biographischen Textes selbst werden. Im Unterschied zu seiner Einbindung in einen Romantext, wo sein Zeugnischarakter Teil der Fiktion ist, erhebt der Brief im biographischen Text Einspruch gegen jegliche Fiktionalität.